Diga Nao Ao Deserto Verde - Sagt Nein zur Grünen Wüste

  

"Wir können nur Indianer sein, wenn wir frei sind.
Welche Zukunft haben wir, wenn wir unser Land nicht wieder bekommen?"
Wilson, Oberhaupt (Caciki) des größten Tupinikim-Dorfes Caieiras Velha
links: Indigene wollen sich gegen Landraub von Aracruz wehren
rechts: Wilson, Oberhaupt (Caciki) des größten Tupinikim-Dorfes Caieiras Velha

(Fotos: ROBIN WOOD)

ROBIN WOOD Recherche in Brasilien über Aracruz-Celulose

Im Februar 2005 besuchten die ROBIN WOOD-AktivistInnen Peter Gerhardt und Melanie Hoffmann den brasilianischen Bundesstaat Espirito Santo, um sich über Auswirkungen der Zellstoffproduktion durch den Konzern Aracruz für die Menschen vor Ort zu informieren. Aracruz ist weltweit der größte Hersteller von gebleichtem Eukalyptuszellstoff. Um sein Werk mit Holz zu versorgen, hat Aracruz seine Eukalyptus-Monokulturen in den brasilianischen Bundesstaaten Rio Grande do Sul, Bahia und Espirito Santo auf über 252 000 Hektar ausgedehnt. Der Konzern betreibt zwei Zellstofffabriken, die größte davon in Espirito Santo.

Der Zellstoff wandert in unser Klopapier
Aracruz produziert fast ausschließlich für den Export, 97 Prozent seiner Produktion werden ausgeführt. Die beiden multinationalen Konzerne Kimberly Clarke (z.B. Haakle, Kleenex) und Proctor&Gamble (z.B. Tempo, Charmin, Pampers) kaufen allein 45 Prozent der Jahresproduktion auf. Eukalyptuszellstoff wird vor allem für die Produktion von Hygienepapieren (Toilettenpapier, Papiertaschentücher, Küchenrollen etc.) eingesetzt, weil er die Endprodukte besonders "flauschig" macht. Faseranalysen, die ein US-amerikanisches Labor im Auftrag von ROBIN WOOD durchgeführt hat, kommen zu dem Ergebnis, dass in fast allen auf dem deutschen Markt gehandelten Hygienepapieren bis zu 60 Prozent Eukalyptuszellstoff enthalten sind.

Landaneignung durch Aracruz: Vertreibung, Betrug und Bestechung
Als Aracruz 1967 die Zellstoffproduktion in Espirito Santo aufnahm, traf die Firma keinesfalls auf eine menschenleere Gegend. Es lebten dort u. a. die indigenen Völker Tupinikim und Guarani, Quilombolas sowie Kleinbauern und Menschen ohne Besitztitel, die Landwirtschaft für die Eigenversorgung betrieben. Sie standen dem Konzern bei seiner Landnahme im Weg. Augenzeugen von damals berichteten gegenüber ROBIN WOOD von dubiosen Methoden, mit denen der Konzern an sein Land gekommen sei. So seien Menschen ohne Besitztitel von ihrem Land vertrieben worden. Kleinbauern seien mit falschen Versprechungen zum Verkauf ihrer Grundstücke überredet oder bei der Kaufsumme betrogen worden, z.B. indem ihre Landflächen zugunsten des Konzerns kleiner gerechnet wurden, als sie tatsächlich waren. Um sich selbst die Finger nicht dreckig zu machen, bediente sich Aracruz dabei der Hilfe von Mittelsmännern.

Die Expansion von Aracruz setzt sich bis heute fort. Kleinbauern, die Land in der Nachbarschaft von Aracruz besitzen, klagen darüber, dass sie mit subtilen Gewaltandrohungen zum Landverkauf an den Konzern gezwungen werden sollen. Die Privatpolizei von Aracruz, Visel, arbeitet dabei nach Angaben der betroffenen Bevölkerung Hand in Hand mit der Militär- und Umweltpolizei. Anwohner berichteten ROBIN WOOD, wie Aracruz Beziehungspflege betreibt, damit dieses System wie geschmiert funktioniert. So würde die Militärpolizei von Aracruz mit Funkgeräten, Lebensmitteln und Benzin bestochen.

Der Landkampf der indigenen Bevölkerung
Tupinikim und Guarani gehören zur indigenen Urbevölkerung Brasiliens. Sie lebten in den Gebieten, in denen Aracruz seine Monokulturen ausgedehnt hat. Ende der 60er Jahre hatte der Konzern leichtes Spiel bei ihrer Vertreibung, denn die Ureinwohner hatten zu diesem Zeitpunkt keinerlei Rechte. Die rassistische Mehrheitsmeinung in der brasilianischen Gesellschaft ging sogar soweit, sie weniger als Menschen, denn als Teil der Natur anzusehen. In den darauf folgenden Jahrzehnten gelang es der indigenen Urbevölkerung aber, die Anerkennung ihrer Landrechte für die von ihr traditionell genutzten Gebiete zu erkämpfen. Aus diesem Grund spitzten sich in den 90er Jahren die Landkonflikte zwischen Aracruz und den Tupinikim und Guarani zu, die jetzt ihr traditionell bewohntes Gebiet von dem Zellstoffkonzern zurück forderten. Es gelang Aracruz aber, seine Plantagen in vollem Umfang zu behalten, indem der Konzern den Indianern ein "Abkommen" abtrotzte. Diese Vereinbarung wurde allerdings von den meisten Bewohnern der betroffenen Indianerdörfer als rechtlich nicht bindend betrachtet, denn es wurde aus ihrer Sicht von korrupten Dorfoberhäuptern ausgehandelt. Das Abkommen beinhaltete im wesentlichen folgendes: Aracruz verpflichtete sich zur Zahlung regelmäßiger Geldsummen und zu einigen Entwicklungsprojekten und durfte im Gegenzug 11.000 Hektar bestes Land, welches nach brasilianischem Recht den Indianerkommunen hätte zurückgegeben werden müssen, weiterhin behalten - für den Konzern ein hervorragender Deal.

Heute leben etwa 2.200 Tupinikim und Guarani in sieben Dörfern in unmittelbarer Nähe der Zellstofffabrik. Während des ROBIN WOOD-Besuchs im Februar 2005 fand in dem Dorf Comboios eine außerordentlich bedeutsame Versammlung von vielen Repräsentanten der betroffenen indigenen Bevölkerung statt. Die 300 Teilnehmer beschlossen einstimmig, sich nicht weiter mit den Geldzahlungen von Aracruz abspeisen zu lassen. Sie wollen ihre 11.000 Hektar Land zurück. Aracruz weigerte sich bislang auf die Forderung einzugehen und bietet lediglich höhere Geldzahlungen an. Doch die Tupinikim und Guarani bestehen darauf, ihr Land zurückzuerhalten und wünschen sich bei diesem Kampf ausdrücklich die Unterstützung der Menschen im Norden.

Situation der Quilombolas
Brasilien schaffte - als eines der letzten Länder auf der Welt - erst 1888 die Sklaverei ab. Aber schon vor diesem Zeitpunkt gelang es einigen der aus Afrika stammenden Sklaven zu fliehen. Sie siedelten sich meist in abgelegenen Waldgebieten an, um sich dem Zugriff von Sklavenhaltern und Ordnungskräften zu entziehen. Die Nachfahren dieser entflohenen Sklaven nennen sich Quilombolas. Bislang hatte diese Bevölkerungsgruppe keinerlei Eigentumsrechte auf das von ihr bewohnte Land. Dies hat die Regierung Lula vor kurzem geändert. Sie hat den Quilombolas weitgehend dieselben Landrechte zugebilligt wie der indigenen Urbevölkerung, d.h. dass traditionell von Quilombolas bewohntes Land jetzt in ihr Eigentum übergehen kann. Die größte Barriere bei dieser zunächst gut klingenden Regelung ist für die Menschen vor Ort, dass sie es oftmals schwer haben, den Nachweis für eine traditionelle Landnutzung zu erbringen.

Im Norden von Espirito Santo beanspruchen Quilombolas jetzt auch Land von Aracruz. Dadurch wird es auch in diesen Regionen zu Landrechtskonflikten kommen.

Ökologisches Desaster
Das von Aracruz genutzte Land war ursprünglich von einem der artenreichsten Waldökosysteme der Welt bedeckt, der Mata Atlantica (Atlantischer Küstenregenwald). Wie Augenzeugen gegenüber ROBIN WOOD berichteten, hat Aracruz vor allem in den 1970er Jahren große Flächen dieser Wälder gerodet, um genug Land für seine Monokulturen zu bekommen. Zu diesem Zweck wurden schwere Traktoren mit Ketten verbunden, die den gesamten Baumbestand niederwalzten. So wurde auf einen Schlag die gesamte Tier- und Pflanzenwelt beseitigt - für die Biodiversität der Region eine ökologische Katastrophe.


Aracruz hinterläßt eine ökologische Wüste
(Foto: ROBIN WOOD)


Massive Eingriffe in den Wasserhaushalt
Um den hohen Wasserbedarf für das Zellstoffwerk in Espirito Santo zu decken, hat Aracruz massiv in den Wasserhaushalt der Region eingegriffen. So sorgen jetzt unter anderem ein Kanal aus dem stark verschmutzten Rio Doce und verschiedene Staustufen dafür, dass genügend Wasser in die Flusssysteme in der Umgebung des Zellstoffwerkes geleitet wird. Durch diese Eingriffe haben die Menschen vor Ort erhebliche Nachteile zu erleiden.

Die Betroffenen berichteten ROBIN WOOD, dass mit dem Wasser des Rio Doce erhebliche Schadstoffmengen in die Gewässer ihrer Region gepumpt werden. Durch die Eingriffe in das Gewässersystem können Fischer nur noch gezeitenabhängig aus ihrem Hafen auslaufen. Ein Indianerdorf ist von Dauerhochwasser betroffen. Die Anwohner des Nachbardorfs Barra do Riacho berichten von einem dramatischen Fischsterben in ihrer Meeresbucht, in die Aracruz die Abwässer seiner Fabrik einleitet.

Außerdem kommt es nach Angaben der Bevölkerung durch die Eukalyptusmonokulturen zur Absenkung des Grundwasserspiegels. Anwohner klagen über ausgetrocknete Flüsse und versiegende Wasserquellen.

Agrochemikalien vergiften die Umwelt
Die Monokulturen von Aracruz können nur durch den massiven Einsatz von Agrochemikalien und Mineraldünger aufrecht erhalten werden. ROBIN WOOD erfuhr von schweren Vergiftungen bei Plantagenarbeitern, nachdem sie Pestizide ausgebracht hatten. Die Menschen, die in der Nähe von den Plantagen leben müssen, klagen über Fischsterben in den Flüssen und führen dies auf die Agrochemikalien zurück, die Aracruz verwendet.

Die Sicht von Aracruz
Im ROBIN WOOD-Interview mit Aracruz wies die Konzernführung sämtliche Vorwürfe zurück. Der Konzern verwies auf seine Umwelt- und Sozialprojekte und auf die Ergebnisse von wissenschaftlichen Untersuchungen, die keine ökologischen Nachteile durch die Eukalyptusplantagen erkennen lassen würden. Ein erstaunliches Ergebnis dieser von Aracruz finanzierten Forschung ist z.B., dass die Monokulturen günstiger für den Wasserhaushalt seien als der ursprüngliche Regenwald. Außerdem wurde darauf hingewiesen, dass Aracruz mit seinen Nachbarn - insbesondere mit den Indianern - hervorragende Beziehungen unterhalte.

Fazit: Die Position von ROBIN WOOD
Aus Sicht von ROBIN WOOD sind die Aussagen der vielen Menschen in Brasilien, die sich kritisch über Aracruz äußern, glaubwürdig. Sie kennen die Situation vor Ort aus eigener Anschauung und haben kein erkennbares Interesse, ihre Lebensumstände falsch wiederzugeben. Die Erklärungen von Aracruz entpuppen sich bei näherer Betrachtung dagegen in vielen Fällen als nicht haltbar. So sind die zahlreichen Studien, mit denen Aracruz die ökologische Unbedenklichkeit seiner Monokulturen zu beweisen versucht, ohne Ausnahme das Ergebnis von eigenfinanzierter Auftragsforschung. Auch von guten Beziehungen zu den Tupinikim und Guarani kann nicht die Rede sein. Das Gegenteil ist richtig: Die Indigenen führen gerade aktuell einen verzweifelten Kampf um ihr Land gegen Aracruz.

ROBIN WOOD fühlt sich daher solidarisch mit den Menschen, die in Brasilien Widerstand gegen die "grüne Wüste" aus Eukalyptus-Monokulturen leisten und sich im Moviemento (Bewegung gegen die grüne Wüste) zusammengeschlossen haben. Aracruz muss unrechtmäßig in Besitz genommenes Land schnellstens zurückgeben und sich endlich auch für die übrigen Probleme und Menschenrechtsverletzungen verantwortlich zeigen, die über 30 Jahre Eukalyptus-Monokulturen in Espirto Santo hinterlassen haben. Die Konsumenten der Produkte, in die der Zellstoff von Aracruz letztendlich wandert, wollen nicht, dass sie unfreiwillig zu Komplizen von diesen Raubau-Praktiken gemacht werden.

Wir danken allen Menschen in Brasilien, die sich die Zeit für uns genommen haben und von denen wir viel gelernt haben. Insbesondere möchten wir allen AktivistInnen der brasilianischen Organisation Federação de Órgãos para Assistência Social e Educacional (FASE) in Espirito Santo danken, die uns mit großem Engagement bei dieser Recherche unterstützt haben.


Peter Gerhardt, Hamburg im Mai 2005

Aktuelle Informationen aus Brasilien 

zur Pressemitteilung vom 20.5.2005
Mit "Tempo" in die Armut - Aktionstag für eine bessere Einkaufspraxis bei Procter&Gamble